Behörden öffnen Weg zu Hinkelsteinen bei Roßdorf

Kulturdenkmal: Steinzeitliche Menhiranlage soll aus dem Schattendasein herausrücken – Neuer Zugang und ein Steg

Quelle: Darmstädter Echo vom 15. Mai 2009

ROSSDORF. Die jungsteinzeitliche Menhiranlage an der Grenze zwischen Darmstadt und Roßdorf soll ihr Schattendasein beenden. Die Behörden hätten vereinbart, das Kulturdenkmal am Rande der Scheftheimer Wiesen ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, teilte Roßdorfs Bürgermeisterin Christel Sprößler jetzt mit. Offiziell gab es für Interessierte bisher nur zweimal im Jahr die Möglichkeit, die Steine mit dem Kulturhistorischen Verein zu besichtigen. Dazu musste das Regierungspräsidium eine Ausnahmegenehmigung erteilen, denn der einzige Weg dorthin führt durch ein Naturschutzgebiet.

„Ein nicht zu übersehender Trampelpfad zeigt jedoch, dass die Anlage trotz der Auflagen regelmäßig aufgesucht wird“, sagt Sprößler. „Deshalb besteht ein öffentliches Interesse, die Stätte ohne Beschränkung jedoch unter Einhaltung des Naturschutzes begehbar zu machen.“ Der Kulturhistorische Verein setzt sich seit Jahren für die Öffnung der Anlage ein. Mit Unterstützung des Darmstädter Professors Wolfgang Krajewski liegt nun ein Konzept auf dem Tisch, das dem Regierungspräsidium und dem Forst offenbar zusagt.

Die Lösung soll laut Sprößler in der Verlegung des Zugangs durch ein Waldstück im Osten der Anlage liegen. Ein Steg würde die Bachufer, an denen die Steine liegen, verbinden. Eine Beschilderung und ein Zaun sollen dem Naturschutz Rechnung tragen. Die Patenschaft, Pflege und Verkehrssicherungspflicht will der Kulturhistorische Verein übernehmen. Schon im Herbst soll die Idee in die Tat umgesetzt werden. Die Öffnung der Menhiranlage hatte sich schon in den vergangenen Monaten abgezeichnet.
In einem ersten Schritt hatte, wie berichtet, ein Team um den Roßdörfer Umweltamtsleiter Rainer Landzettel schon einen vier Tonnen schweren Steinkoloss aus dem Ruthsenbach geborgen und gut sichtbar aufgerichtet. Heimatforscher haben die Anlage 1967 entdeckt und ihr 14 Steine zugeordnet. Die sieben kleineren Steine nahm das Ober-Ramstädter Museum mit, um sie vor Andenkenjägern zu retten. Die sieben größeren sind wegen ihres Gewichts vor Ort geblieben.

Geschichtsforscher glauben, dass Steinzeitmenschen die Kolosse etwa 2500 vor Christus aus einem rund zwei Kilometer entfernten Steinbruch herbeigeschafft haben – wahrscheinlich unter Einsatz von Hebeln und mit Hilfe des aufgestauten Ruthsenbachs. Die Menschen vor knapp 5000 Jahren meißelten Figuren und Zeichen in die Granit-Porphyr-Felsen, stellten sie in bestimmten Formationen auf und brauchten sie zur Ausübung ihrer Religion. Professor Krajewski, der das Areal im vergangenen Jahr mit Geotechnikern der Hochschule Darmstadt sondiert hatte, deutet Vertiefungen in den Blöcken „ganz klar als Opferschälchen“. Dort seien Tierteile abgelegt worden, um einer höheren Macht zu huldigen.

Von anderen Fundstätten in Deutschland lässt sich ableiten, dass die Menhire in Halbkreisen gestanden haben könnten. Die Rekonstruktion eines solchen Ausgangszustands fällt in Roßdorf aber schwer, denn mehrere Faktoren dürften Unordnung gebracht haben. Der schwerwiegendste Eingriff wird Kirchenfanatikern im Mittelalter zugeschrieben. Sie zerstörten die Werke ihrer heidnischen Vorfahren.

Aus jüngerer Zeit ist bekannt, dass ein Bauer einen Brocken in ein Bombenloch schob, weil er sich beim Mähen gestört fühlte – britische Flieger hatten den Krater in der Darmstädter Brandnacht 1944 auf der Wiese hinterlassen.

Auch die Verlegung des Ruthsenbachs bietet Spielraum für Fehlinterpretationen. „Bei der Verfüllung des alten Ruthsenbachs könnten Steine der benachbarten Menhiranlage verwendet worden sein“, sagt Krajewski. Einzeln stehende Menhire gibt es auch in Wersau, bei Bürstadt und in Alsbach an der Bergstraße. Eine Formation wie in Roßdorf ist dagegen selten. Die nächsten größeren Standorte sind in Mecklenburg, in der Bretagne und der Schweiz.

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